Umgestaltung der Karl-Marx-Strasse

Neukölln soll fit gemacht werden für neue Bewohner. Dazu soll die Karl-Marx-Strasse mit Millionen-Aufwand saniert werden. Die nötige propagandistische Unterstützung liefert die [Aktion! Karl-Marx-Straße] .
Dazu gab es einen Redebeitrag auf der Demonstration am 31.10.2009 (weitgehend identisch mit einem Text der Kiezgruppe Neukölln aus der Ausstellung Neukölln).

Jung, bunt und erfolgreich – Das soll die Neuköllner Zukunft sein. Am Beispiel der Karl-Marx-Strasse soll das vorexerziert werden. Dafür wollen Senat und Bezirk in den nächsten 15 Jahren über 100 Millionen Euro investieren. Zwei Drittel des Geldes soll von privaten Investoren kommen. Das Geld soll in den Umbau und die Sanierung der Karl-Marx-Strasse und angrenzender Seitenstrassen von Hermannplatz bis zum Karl-Marx-Platz fliessen. Ziel ist ein junges und buntes Zentrum, ein Erlebnisraum mit Platz für Fussgänger und Fahradfahrer, mit Springbrunnen, Blumenbeeten und Cafes.

Um die Karl-Marx-Straße wieder konkurrenzfähig im Wettbewerb mit anderen Einkaufszentren in Berlin zu machen, wurde im Mai 2008 die „Aktion! Karl-Marx-Straße“ ins Leben gerufen. Dabei sollen, unterstützt von Bezirk und einem Stadtplanungsbüro, „lokale Akteure“, also Hauseigentümer_innen, Betreiber_innen von Geschäften und Einrichtungen, Lösungen erarbeiten.
Drei Hauptpunkte sollen umgesetzt werden, um die Situation in der Karl-Marx-Straße zu verbessern. Es soll:

* „die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum verbessert werden.“
* „die Struktur von Handel und Dienstleistungen gestärkt werden.“
* „die urbane Vielfalt genutzt und weiterentwickelt werden.“

Konkrete Projekte

„Alte Post“: Das Gebäude an der Ecke Karl-Marx- Straße / Anzengruberstraße steht leer, seit die Post in die Neukölln Arcaden umgezogen ist. Die „Aktion! Karl-Marx-Straße“ würde das Gebäude gerne zu einem „Front-Office der Kultur- und Kreativwirtschaft“ machen. Bisher gibt es aber weder Interessent_innen, noch konkrete Ideen oder Finanzmittel. Im Moment hat die „Aktion! Karl- Marx-Straße“ hier ihr Büro. Außerdem finden vereinzelt kulturelle Veranstaltungen wie Theateraufführungen oder Modenschauen statt.

Kindl-Brauerei: Das Gelände soll geöffnet und mit den umliegenden Vierteln verbunden werden. Es gab einen Ideen-Wettbewerb, aus dem ein Plan als Sieger hervorgegangen ist. Dieser sieht die Schaffung von Gastronomie, Gewerbe und Ateliers in den Gebäuden der Brauerei vor. Bis jetzt gibt es ab und an Kunstausstellungen, es gibt eine Paint-Ball-Halle, Autohandel und Go-Kart-Bahn. Von den grossen Plänen mit Eliteuniversität und grossem Kulturzentrum ist nichts mehr zu hören

Ehemaliges Hertie-Kaufhaus: Das Gebäude wurde von einem Investor gekauft und mit neuer Fassade gestaltet. Mittlerweile haben einige Geschäfte eröffnet, die üblichen Verdächtigen, die überall zu finden sind wie dm, H+M, Aldi usw.

Doch was für Auswirkungen werden diese angestrebten Veränderungen haben? Was bedeutet die Umsetzung der drei oben erwähnten Hauptpunkte? Wem kommen diese Veränderungen zugute?
„Aufenthaltsqualität“

Durch die Sanierung der Karl-Marx-Straße soll die so genannte „Aufenthaltsqualität“ im öffentlichen Raum verbessert werden. Aber: Was soll das eigentlich heißen? Mit „öffentlicher Raum“ sind Straßen, Bürgersteige, Plätze und Parks gemeint. Also all jene Orte, die frei zugänglich sein sollen und nicht in privater, sondern in öffentlicher Hand sind. Doch wie frei zugänglich sind diese Orte wirklich – oder vielmehr für wen? Da es bei der „Aktion! Karl-Marx-Straße“ darum geht, diese wieder zu einer konkurrenzfähigen Einkaufsmeile zu machen, soll wohl vor allem kaufkräftigem Publikum der Aufenthalt angenehm gemacht werden.
Was das für andere Bevölkerungsgruppen bedeuten kann, wird am Platz vor dem Neuköllner Rathaus deutlich. Dort wurde schon vor einiger Zeit ein Alkoholverbot ausgesprochen, um so gezielt bestimmte Gruppen zu verdrängen und die Nutzung des Raums auf die zu beschränken, die keinen Alkohol trinken oder sich ihr Bier im Cafe leisten können, denn da ist es erlaubt.
„Niveauvollere Geschäfte“

Die „Struktur von Handel und Dienstleistungen soll gestärkt werden“, die Läden mit Billigware sollen verschwinden und stattdessen „niveauvollere“ Geschäfte ihre Türen auch für Kundschaft aus anderen Stadtteilen öffnen. Doch wird sich auch die eher weniger gut betuchte Neuköllner Bevölkerung das Einkaufen in diesen Geschäften leisten können? Schließlich sind die Billigläden auch Ausdruck der Situation der Leute im Viertel. Um die aber geht es nicht. Was also bringt es den Leuten hier für Vorteile, wenn teure Modegeschäfte eröffnen?
„Urbane Vielfalt“

Und was ist eigentlich mit der Nutzung und Weiterentwicklung „urbaner Vielfalt“ und „Multi-Ethnizität“ gemeint? Anscheinend geht es darum Kultur zu vermarkten, um daraus einen Standortfaktor für Neukölln zu machen. Die Verschiedenheit der Herkünfte in Neukölln soll zum Merkmal gemacht werden, das Neukölln ökonomisch interessant macht und die Karl-Marx-Straße von anderen Einkaufsstraßen unterscheidet.
Damit sollen Menschen die Chance bekommen ihre „Herkunft“ und „Kultur“ zu vermarkten und dadurch ihre Situation zu verbessern. Klar, für manche mag das zutreffen. Dies bedeutet aber auch, auf die „Herkunft“ oder das was darunter verstanden wird, festgeschrieben zu sein und immer als irgendwie anders wahrgenommen zu werden.




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