Kiezspaziergang im Schillerkiez

Leerstand Weisestrasse 47

Am Sonntag, dem 24. Oktober fand im Schillerkiez in Nord-Neukölln der zweite Kiezspaziergang im Rahmen einer Zusammenarbeit von verschiedenen Stadtteilinitiativen statt. Schon Sonntag davor beteiligten sich etwa 90 Menschen bei strahlenden Sonnenschein beim Rundgang in Alt-Treptow, siehe den Bericht Erfolgreicher Kiezspaziergang . Diesmal war das Wetter nicht so schön, es regnete und stürmte und trotzdem kamen ca. 80 Menschen. Schon vor Beginn erschien die Polizei und erklärte, das der Spaziergang nur mit Anmeldung und einem verantwortlichen Leiter durchgeführt werden dürfte. Also wurde das ganze als Demonstration angemeldet und wir konnten auf der Strasse laufen. Leider fiel das Megaphon bald aus und deshalb gibt es hier die wichtigsten Infos nochmal.

Erstmal gab es ein paar Zahlen zum Schillerkiez, der nicht nur den Bereich hier um die Schillerpromenade erfasst, sondern weiter geht. Von der Hermannstrasse bis zu Oderstrasse am Tempelhofer Feld, von der Flughafenstrasse im Norden bis zum S-Bahnring im Süden.
Hier leben über 20.000 Menschen, über die Hälfte mit Migrationshintergrund. 40% beziehen Hartz4, die Schuldnerquote ist mit 32% die zweithöchste aller QM-Gebiete. 90% aller Hauptschüler sollen Migrationshintergrund haben.
Es wurde informiert über die Geschichte des Stadtteilladen Lunte, den es seit über 20 Jahren gibt , die Entstehung der Stadtteilinitiative Schillerkiez und die bisherigen Aktivitäten mit Stadtteilversammlungen, der Zeitung Randnotizen usw.

Leerstehende Läden werden zunehmend genutzt durch Künstler und Projekte. Auf der anderen Seite machen andere Läden zu, weil die Miete zu hoch ist. Dem „Tropical Market“ in der Selchowerstrasse mit seinen afrikanischen Spezialitäten ist ebenfalls nach über 15 Jahren zum Jahresende gekündigt worden. Damit hatte der jahrelange Versuch eines dortigen Wohnungseigentümers, den Laden rauszuekeln, leider Erfolg.

Bei einem Halt in der Schillerpromenade 2 gab es Infos zur allgemeinen Mietentwicklung.

Es gibt bei Neuvermietungen kaum noch kleine Wohnungen, die mit Hartz IV bezahlbar sind. Aber für Herrn Felgentreu ( SPD Abgeordneter für den Bezirk NeuKölln ) führen Mietsteigerungen nach dem Mietspiegel von 7-10 % nicht zur Verdrängung. Hippe Artikel in Stadtmagazinen wie Tip tragen dazu bei, dass der Kiez noch angesagter wird. Mensch muß sich schon wundern, wer denn bei den in vielen Fällen niedrigen Einkommen hier in Berlin ( Berlin – die Hauptstadt der Prekären) trotzdem noch diese hohen Mieten zahlen kann. Die Nachfrage steigt, zu Wohnungsbesichtigungen kommen zwischen 20 bis 40 interessierte Menschen.

Am 19. Mai wurde auf immobilienscout24 eine „Großzügige 1-Zimmer-Wohnung in Neuköllns Süden“ angepriesen, die sich in der Weisestr. 10 im 1. Obergeschoss des Seitenflügels befindet. Für die 49 m² verlangte die Firma Schick-Immobilien eine Kaltmiete von 441 Euro, macht pro qm 9 Euro. Zur Kaltmiete kommen noch die Nebenkosten von 70 Euro und die Heizkosten , die ca. 60 Euro betragen dürften.
Im August wurde eine Wohnung mit einer Kaltmiete von 6 Euro in der Weisestrasse 46 angeboten. Bei dem Besichtigungstermin standen ca. 40 Leute vor dem Haus.

Auch im September wurden wieder Wohnungen für 8 Euro qm kalt in der Weisestrasse 10 angeboten. Es gab auch eine Wohnung für 5 Euro in der Weisestrasse. Hierfür bewarben sich mehr als 100 Menschen. In der Schillerpromenade 2 werden „sanierte“ Wohnungen für 8,50 Euro angeboten. In einem Taz-Artikel vom 21.Oktober wird über eine Auskunft des Internetportal Immobilienscout berichtet. Danach sind in den letzten 3 Jahren die Mieten für die dort im Kiez inserierten Wohnungen um 22 Prozent gestiegen. Leere Läden werden von Beschäftigungsträgern mit ein-Euro-Jobbern bespielt.

Weiter ging der Spaziergang über das Tempelhofer Feld mit Informationen über die geplanten Pioniernutzungen im Bereich der Oderstrasse. Hier hatte sich im Juni auch eine Gruppe von Leuten als „Stadtteilgarten Schillerkiez“ beworben und wurde dann angenommen. Es soll eine „offene Feldstruktur“ geschaffen werden, die Raum für selbstorganisiertes Handeln bietet. Weitere Infos gibt es unter der Email schillerkiez@gmx.de bzw. auf der nächsten Stadtteilversammlung im Schillerkiez am 15. November.

An der Lichtenrader Strasse 32 ging es in den Hinterhof und es wurde die Geschichte der Verdrängung von Künstlerwohngemeinschaften durch die Immobilienfirma Tarsap erzählt. Diese hat dort das Haus erworben,verkauft die Wohnungen als Eigentumswohnungen, die Fabriketagen als Lofts mit dem Hinweis in den Verträgen, dass sie die Wohnungen mieterfrei machen. Da sind sie nun dabei, die Bewohner der Fabriketagen mit Schikanen und Räumungsklagen rauszudrängen.
Dazu gibt es später einen weiteren Text.

Ein kurzer Stopp erfolgte auch an der Schillerpromenade Ecke Kienitzerstrasse mit Infos zu einer dort entstehenden neuen Bar für den gehobenen Anspruch, dem Bau einer Galerie in ehemaligen Garagen eines Hinterhofes am Herrfurthplatz und den verschwundenen Tischen auf der Schillerpromenade. Das Grünflächenamt hat sie im Sommer abgebaut, weil dort wohl die falschen Menschen sassen, nämlich die sog „Trinkerszene“.

Der Abschluss des Spazierganges war dann an der Weisestrasse 47. Diese Haus steht bis auf drei Wohnungen im Hinterhaus komplett leer, die Wohnungen werden auch nicht vermietet. Der Besitzer Henning Conle will wohl abwarten, bis er das Haus zum Höchstpreis verkaufen kann. Zwischen den Balkons im ersten Stock war ein Transparent angebracht „Wohnraum für Alle – spekulativen Leerstand aneignen“ . Dazu wurden Flyer mit weiteren Hintergründen verteilt, über die auch mündlich informiert wurde. Den Flyer gibt es demnächst online.

Der Spaziergang endete dann mit Kaffeetrinken im Stadtteilladen Lunte. Wir danken allen Beteiligten für ihre Teilnahme und Unterstützung. Weiter geht es am nächsten Sonntag, den 31. Oktober im Reichekiez, Treffpunkt 14 Uhr an der Ohlauer Brücke.

Für alle Bewohner des Schillerkiezes gibt es wieder eine Stadtteilversammlung am Montag, den 15. November um 20 Uhr in der Kneipe „Lange Nacht“ in der Weisestrasse 8.





Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: