Tempelhof für Alle – Rede Mietenstopp-Demo

Redebeitrag von „Tempelhof für Alle“ für „Mieten stopp !“ am 29.11.08

Seit dem 31.Oktober 2008 ist der Flughafen Tempelhof geschlossen.

Damit sind rund 4 Millionen Quadratmeter Fläche in unserer Nachbarschaft frei geworden, auf der unsere Ideen fliegen lernen können, wenn wir sie uns nicht wegnehmen lassen.

Als der Flughafen 1936 auf seine jetzige Größe erweitert wurde, wurden dafür die umliegenden Sportplätze und Kleingärten eingestampft. Auch im aktuellen stadtplanerischen Senatsprojekt „Tempelhofer Freiheit“ ist unser Wohl nicht mitgedacht, denn Freiheit ist hier kapitalistisch neoliberal definiert und damit einzig und allein die Freiheit der Konkurrenzfähigen und allzeit zur Konkurrenz Bereiten. Hier ein kleines Zitat von der Website der Senatsverwaltung als Vorgeschmack: „Mit einem so großen Gebiet von internationaler Ausstrahlung bleibt Berlin konkurrenzfähig im Standortvergleich mit anderen Metropolen.“ Im Anschluss wird die Entwicklungsfläche Tempelhofer Feld mit München Riem, den Dubliner Docklands und Aspern in Wien verglichen. Aber wer will denn schon, dass Berlin wie München wird ?!

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wünscht „das Tempelhofer Feld und die umliegenden Quartiere im Rahmen einer Internationalen Bauausstellung ab 2010 weiterzuentwickeln“, denn, so Senatsbaudirektorin Lüscher: “ Die Marke „IBA“ steht für Exzellenz, für realisierte Qualität, für Imageverbesserung und internationale Aufmerksamkeit, für Leuchtturmprojekte und für Innovationen auf allen Gebieten der Stadtentwicklung.“ Außerdem ist die Rede von einer „Metropolen-IBA für Berlin, die Antworten für die kompakte europäische Stadt“ bringen soll. Aber ist denn für unsereins in der kompakten Metropole des 21.Jahrhunderts noch bezahlbarer Wohnraum innerhalb der Ringbahn vorgesehen ?!

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Der aktuelle Flächennutzungsplan sieht jedenfalls folgende fünf Projekte vor: Das denkmalgeschützte Flughafengebäude mit seiner unsäglichen Naziarchitektur inklusive Reichsadler soll für die Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft unter dem Namen „Tempelhof Forum“ entwickelt werden. Entlang des Tempelhofer Dammes sollen die Zukunftstechnologien wie Klimaschutz, Umwelt- und Solartechnik im so genannten „Stadtquartier“ einziehen. Alles in allem sollen 9500 Menschen dort arbeiten, und wir wollen erstmal wissen, ob diese dann für gutes Geld aus den Arbeitslosenscharen der angrenzenden Bezirke rekrutiert werden, bevor wir uns von der angeblichen Umweltverträglichkeit einlullen lassen !

Die zentrale Fläche möchte nämlich die „Parklandschaft Tempelhof“ füllen. Aber nicht etwa als prolliger Volkspark wie die Hasenheide, sondern als grüne Oase für die beiden zukünftigen Stadtteile „Columbia-Quartier“ am Columbiadamm und „Stadtquartier Neukölln“ entlang der Oderstraße. An dieser Stelle noch ein Zitat der stadtentwickelnden Senatsverwaltung: „Durch die unmittelbare Lage an der Parklandschaft Tempelhof, dem neuen Grünraum des Berliner Südens, werden diese Quartiere die Möglichkeit bieten, mitten in der Stadt und doch im Grünen zu wohnen.“ Übrigens vor allem für so genannte Familien, womit im Zweifelsfalle immer noch die bürgerliche Kleinfamilie mit 1 ½ Kindern, geregeltem Einkommen, Trauschein, Auto und deutscher Leitkultur gemeint ist.

Was sich hier in entspannter Atmosphäre als zukunftsfähig, nachhaltig und lebendig präsentiert, folgt bei näherer Betrachtung ganz der faschistoiden sozialdarwinistischen Logik des Neoliberalismus, nach der Hartz-IV-Empfängerinnen, Niedriglöhnern und Reproduktionsverweigernden ihr Recht auf Lebensqualität und feste soziale Bezugspunkte längst abgesprochen wurde. Schon jetzt sind Immobilienhändler und Investorinnen in Nord-Neukölln unterwegs, um Wohnanlagen und Häuser zu kaufen. Die Folgen für die AnwohnerInnen aus den umliegenden Stadtteilen sind steigende Mieten, mehr Verkehr und Verdrängung durch Besserverdienende, die im überentwickelten Prenzlauer Berg den Ghettoflair entbehren.

Nach der neoliberalen Logik ist die Peripherie gut genug für die Prekären und Marginalisierten. Das Zentrum soll den Konkurrenzfähigen vorbehalten sein. Mediaspree zeigt uns, was das bedeutet. Für die Kultur- und Ökofraktion der Konkurrenzfreudigen soll nun das Tempelhofer Feld als Platz an der Sonne entwickelt werden. Aber noch ist nichts verloren !

Denn während das neoliberale Finanz- und Produktionssystem weltweit kollabiert, haben wir längst viel nachhaltigere Formen der Zukunftsfähigkeit entwickelt – nämlich ohne Konkurrenz und Gewinnmaximierung, aber dafür um so lebendiger.

Unser Zuhause ist nicht unser Bankkonto, sondern die Berliner Innenstadt ! Der Flughafen Tempelhof ist die Brache in unserer Nachbarschaft, und wir wollen unser neues Grün genießen !

Wir wollen interkulturelle Gärten anlegen, Kartoffeln, Obst und Gemüse pflanzen und ernten, im Wagendorf wohnen und Hütten bauen, nach Herzenslust skaten und sprühen, grillen und am Feuer Party machen, mit viel Platz spielen und uns austoben, Blumen pflücken und mit Tieren kuscheln und uns dabei vom harten Alltag der Perspektivlosigkeit und des sinnlosen Schuftens fürs Existenzminimum erholen.

Dafür fordern wir:

1. die uneingeschränkte Öffnung der Zäune, um das Gelände für alle zugänglich zu machen.

2. den Bebauungsstop auf dem ehemaligen Flughafengelände für mind. 10 Jahre, damit alle BerlinerInnen die Chance haben, in den Entwicklungsprozess einzugreifen.

3. die Mietpreisbindung in den umliegenden Gebieten, um die Ansässigen vor Verdrängung zu schützen.

4. die öffentliche Nicht-Kommerzielle Nutzung des Geländes, um unkonventionellen Ideen, selbst-organisierten Projekten und kollektiven Prozessen Platz zu bieten.

Noch ist nichts beschlossen ! Noch ist Zeit für offensives Handeln ! Kommt raus aus der Defensive, informiert Euch bei tfa.blogsport.de, protestiert, fordert, schließt Euch mit uns zusammen, und nehmt Euch Euren Platz an der Sonne !

Tempelhof für alle !!!


2 Antworten auf “Tempelhof für Alle – Rede Mietenstopp-Demo”


  1. 1 Berlin: Proteste gegen Mietsteigerungen « Gentrification Blog Pingback am 30. November 2008 um 0:59 Uhr
  2. 2 Tempelhof für alle! « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 02. Februar 2009 um 23:28 Uhr
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